Publikationspreis des Bayerischen Zentrums für Krebsforschung für Augsburger Pathologie

Augsburg, 28.10.2026

Wie lassen sich seltene Tumoren erkennen, die für eine gezielte Krebstherapie relevant sein könnten, bei herkömmlichen Tests aber möglicherweise unentdeckt bleiben? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine ausgezeichnete wissenschaftliche Arbeit aus der Universitätsmedizin Augsburg. Für die Publikation in der Fachzeitschrift npj Precision Oncology erhalten Forschende des Instituts für Pathologie und Molekulare Diagnostik des Universitätsklinikums Augsburg den diesjährigen Publication Award des Bayerischen Zentrums für Krebsforschung (BZKF).

Im Mittelpunkt der Studie stehen bestimmte Formen von Dick- und Enddarmkrebs mit Veränderungen im Gen POLE. Solche Mutationen können dazu führen, dass sich besonders viele Veränderungen im Erbgut der Tumorzellen ansammeln. Dadurch können die Tumoren für das Immunsystem besonders gut erkennbar sein und sprechen selbst in fortgeschrittenen Stadien exzellent auf immuntherapeutische Ansätze an. Diese Medikamente helfen dem Immunsystem, Krebszellen wirksamer zu bekämpfen.

„Uns hat interessiert, ob wir mit den molekularen Daten, die in der Routinediagnostik ohnehin erhoben werden, Hinweise auf diese seltene Tumorgruppe finden können. Denn gerade bei solchen Tumoren kann es entscheidend sein, ihre besonderen genetischen Eigenschaften zu erkennen“, sagt Priv.-Doz. Dr. Nic Reitsam, Erstautor der Studie.

Vorhandene Diagnosedaten gezielter nutzen

Eine Besonderheit dieser Tumoren ist, dass sie trotz ihrer vielen genetischen Veränderungen als mikrosatellitenstabil (MSS) eingestuft werden können. Bei Darmkrebs ist der Mikrosatellitenstatus ein wichtiger molekularer Marker, der unter anderem bei der Einschätzung möglicher Immuntherapien berücksichtigt wird. Die seltenen, durch POLE-Mutationen geprägten Tumoren können deshalb durch die übliche Einordnung allein anhand dieses Markers übersehen werden.

Das Forschungsteam untersuchte 675 Fälle von Darmkrebs, für die bereits Ergebnisse aus einem molekulargenetischen Testverfahren vorlagen. Bei 15 Fällen fiel eine ungewöhnlich hohe Zahl genetischer Veränderungen auf. Eine weiterführende Analyse bestätigte bei fünf dieser Fälle krankheitsrelevante POLE-Mutationen. Weitere Untersuchungen und Daten aus externen Kohorten, unter anderem in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Heidelberg, stützten die Ergebnisse.

Die Arbeit zeigt damit, wie vorhandene Daten aus der diagnostischen Routine genutzt werden können, um auffällige Fälle gezielt einer vertieften molekularen Untersuchung zuzuführen. Das kann helfen, seltene Tumoren zu erkennen, deren molekulare Eigenschaften für die Wahl einer Behandlung von Bedeutung sein könnten.

„Der Ansatz ist interessant, weil er auf vorhandenen diagnostischen Daten aufbaut. Wenn diese Daten Hinweise auf eine seltene molekulare Veränderung liefern, können wir gezielt weiter untersuchen und so möglicherweise Tumoren identifizieren, die bei einer alleinigen Betrachtung des Mikrosatellitenstatus nicht aufgefallen wären“, erklärt Dr. Sebastian Dintner, Leiter der Molekularpathologie.

Ein Beitrag zur Weiterentwicklung der personalisierten Krebsmedizin

Die Ergebnisse verdeutlichen, wie eng molekulare Diagnostik und Therapieentscheidungen in der modernen Krebsmedizin zusammenhängen. „Die Studie zeigt beispielhaft, wie sich diagnostische Routine und Forschung gegenseitig ergänzen können. Wenn wir molekulare Befunde systematisch auswerten, gewinnen wir nicht nur neue wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern können auch Ansatzpunkte finden, um die Diagnostik weiterzuentwickeln und die Voraussetzungen für individuell abgestimmte Therapien zu verbessern“, sagt Prof. Dr. Bruno Märkl, Direktor des Instituts für Pathologie und Molekulare Diagnostik am Universitätsklinikum Augsburg.

Die Auszeichnung unterstreicht zugleich die Sichtbarkeit der an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg und am Universitätsklinikum Augsburg etablierten Forschung in der Präzisionsonkologie, Pathologie und molekularen Diagnostik.

Die Publikation „Mutation enrichment in targeted panels flags immunotherapy-responsive POLE-driven hypermutated microsatellite-stable colorectal cancers“ erschien 2026 in der international renommierten Fachzeitschrift npj Precision Oncology: https://www.nature.com/articles/s41698-026-01572-1