Präzisionsonkologie in Europa: echte Fortschritte, ungleicher Zugang und ein Fahrplan zur Chancengleichheit
Übersichtsartikel in „The Lancet Regional Health – Europe“ gibt einen Überblick über die molekulare Diagnostik und die zielgerichtete Krebsbehandlung in mehr als 20 europäischen Ländern
Jeder Tumor ist anders. Selbst bei Patientinnen und Patienten mit derselben Diagnose können sich die Tumoren auf molekularer Ebene deutlich unterscheiden. Genau hier setzt die Präzisionsonkologie an: Sie nutzt die molekularen Eigenschaften eines Tumors, um die Behandlung möglichst genau auf die jeweilige Patientin beziehungsweise den jeweiligen Patienten abzustimmen.
In Europa wird diese Form der Krebsmedizin zunehmend zur klinischen Realität. Eine aktuelle, umfassende Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift „The Lancet Regional Health – Europe“ zeigt jedoch auch, dass der Zugang zu dieser Behandlung nach wie vor ein entscheidender Engpass ist. Die Studie „Landscape of cancer genomics and precision oncology in Europe“ gibt einen Überblick über die Umsetzung der Präzisionsonkologie in mehr als 20 europäischen Ländern. Sie vereint die Erkenntnisse von über 150 führenden Expertinnen und Experten, wissenschaftliche Belege, politische Analysen und Momentaufnahmen der Umsetzung auf Länderebene. Zu den Autorinnen und Autoren zählen Prof. Dr. Anke K. Bergmann, Leiterin des Instituts für Klinische Genetik und Genommedizin (KGGM) am Universitätsklinikum Würzburg (UKW), sowie Dr. J. Matt McCrary, Leiter der Versorgungsforschungsgruppe am KGGM.
Molekulare Diagnostik ist in Europa weit verbreitet – Herausforderung liegt in der Behandlung
Dem Autorenteam ist besonders aufgefallen, wie ähnlich die Präzisionsonkologie mittlerweile in weiten Teilen Europas organisiert ist – trotz Unterschiede in der Infrastruktur und bei der Kostenerstattung. In vielen Ländern sind molekulare Tumor-Gremien, erstattungsfähige Diagnostik und Behandlungswege zu zielgerichteten Therapien bereits etabliert. Öffentliche Investitionen leisten hierbei den größten Beitrag. Europa verfügt mit seinen universellen Gesundheitssystemen, gemeinsamen regulatorischen Rahmenbedingungen und grenzüberschreitenden Forschungsinfrastrukturen generell über gute Voraussetzungen für einen gerechten Zugang zur Präzisionsonkologie.
Das entscheidende Hindernis ist derzeit nicht die Diagnostik, sondern die Behandlung. Die noch zu bewältigende Aufgabe besteht nun darin, sicherzustellen, dass Patientinnen und Patienten zur richtigen Zeit die passende Behandlung erhalten. Und diese Lücke ist bei Menschen mit seltenen Krebserkrankungen am größten.
Präzisionsonkologie braucht ein lernendes Gesundheitssystem
Die Autorinnen und Autoren empfehlen der Politik und den Gesundheitssystemen deshalb, die Präzisionsonkologie als lernendes Gesundheitssystem weiterzuentwickeln. In diesem sollten Behandlungsergebnisse systematisch erfasst und für Entscheidungen genutzt werden. Sie empfehlen, Studien, Kostenerstattung und Umsetzung besser aufeinander abzustimmen und forschungsinitiierte Studien stärker in die Versorgung zu integrieren. Die Prioritäten sollten sich am Reifegrad der Evidenz orientieren: Bei etablierten Biomarker-Wirkstoff-Kombinationen braucht es einen breiten Zugang, bei seltenen Krebsarten europaweite Studien und bei neuen Anwendungen strukturierte Rahmenbedingungen zur Evidenzgewinnung.
„Wenn wir die Präzisionsonkologie als echtes lernendes Gesundheitssystem aufbauen, das auf Daten aus der Praxis und adaptiver Entscheidungsfindung basiert, dann ist der gerechte Zugang kein bloßer Slogan mehr, sondern wird Teil unserer täglichen Praxis in der Krebsversorgung“, sagt Kjetil Taskén korrespondierender Autor der Studie, Leiter des Instituts für Krebsforschung am Universitätsklinikum Oslo und Koordinator des EU- Projekts PRIME-ROSE im Rahmen der Cancer Mission. PRIME-ROSE beschäftigt sich, ähnlich wie das Konsortium „Personalised Cancer Medicine for all EU citizens“ (PCM4EU) mit der beschriebenen großen Lücke: Wie kommen Patientinnen und Patienten von einem molekularen Befund tatsächlich zu einer passenden Therapie, und wie lässt sich dafür Evidenz schaffen und eine Erstattung ermöglichen?
An der Übersichtsarbeit waren außerdem weitere europäische Konsortien wie die Joint Action on Personalized Cancer Medicine (JA PCM), die Joint Action on Networks of Expertise (JANE) und CAN.HEAL beteiligt. Letzteres hat beispielsweise wichtige Grundlagen und Empfehlungen dafür geschaffen, wie genomische Diagnostik und personalisierte Medizin in die europäische Krebsversorgung integriert werden können. Die JA PCM, die jüngste Initiative, die seit Januar 2026 läuft, baut auf den Ergebnissen von CAN.HEAL und PCM4EU auf und soll den Zugang zu und das Wissen über personalisierte Krebsmedizin europaweit erweitern. Sie umfasst mehr als 140 Organisationen aus 29 Ländern. JANE etabliert derzeit sieben bahnbrechende Kompetenznetzwerke in Schlüsselbereichen der Onkologie.
UKW leistet Beitrag durch Beteiligung an EU-Netzwerken
Das Institut für Klinische Genetik und Genommedizin ist maßgeblich an allen genannten Netzwerken beteiligt. „Wir sind stolz darauf, durch unsere Beteiligung einen Beitrag zu diesem Artikel sowie zu den europäischen Bemühungen um eine gerechte Umsetzung der Präzisionsonkologie auf dem gesamten Kontinent zu leisten“, kommentiert Prof. Dr. med. Anke K. Bergmann.
Dr. J. Matt McCrary ergänzt: „Aufbauend auf deutschen nationalen Initiativen, wie dem Modellvorhaben Genomsequenzierung, zielt unsere Arbeit speziell darauf ab, personalisierte genetische Risikoinformationen zu identifizieren und zu integrieren. So sollen präzise Krebspräventions- und Nachsorgeprogramme in ganz Europa ermöglicht und damit präzise Behandlungsansätze ergänzt werden.“
Die Übersichtsarbeit erscheint parallel zur „Lancet Oncology Commission on Cancer Genomics and Precision Oncology“. Diese wegweisende globale Initiative wurde heute, am 25. September 2026, auf dem UICC-Weltkrebskongress in Hongkong vorgestellt.
Publikationen
Gro Live Fagereng, Edvard Abel, CAN.HEAL Consortium, Raffaella Casolino, Ruggero De Mariad, Stefan Fröhling et al. Landscape of cancer genomics and precision oncology in Europe. The Lancet Regional Health – Europe. THE LANCET Regional Health, Sept. 2026, DOI: 10.1016/j.lanepe.2026.101841
Raffaella Casolino, Joaquin Mateo, Prof Elisabeth G E de Vries, Amber Johns, Melanie Courtot, Prof Rita T Lawlor, et al. Accelerating equitable cancer genomics and precision oncology in health care and research: a Lancet Oncology Commission The Lancet Oncology, Sept. 2026, DOI: 10.1016/S1470-2045(26)00302-5
Englische Pressemeldungen: OUH - OUS-research.no
Bild: In Europa ist die molekulare Diagnostik bereits weit verbreitet, während die entsprechende individualisierte Behandlung noch ein Problem darstellt. Hier werden Blutproben für die automatische Aufreinigung von DNA vorbereitet. © Daniel Peter / UKW