Neue Klassifikation standardisiert Hirntumor-Operationen
Internationales Team entwickelt System zur einheitlichen Beurteilung des operativen Therapieerfolgs bei Gehirntumoren
Niedriggradige Hirntumore, sogenannte IDH-mutierte Gliome ZNS WHO-Grad 2, sind trotz ihres langsamen Wachstums lebensbedrohlich. Die Frage nach der richtigen Balance zwischen einer „radikalen“ Tumorentfernung und der Vermeidung einer neurologischen Verschlechterung beschäftigt Neurochirurgen weltweit. Ein internationales Forschungsteam aus der RANO Working Group unter Beteiligung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und des Universitätsklinikums Erlangen hat eine neue Klassifikation entwickelt, die erfasst, wie stark verbleibendes Tumorgewebe den weiteren Krankheitsverlauf beeinflusst. Die Ergebnisse werden in The Lancet Oncology veröffentlicht.*
Wer an einem IDH-mutierten Gliom ZNS WHO-Grad 2 erkrankt, wird in der Regel zunächst operativ behandelt. Ziel ist es, möglichst viel Tumorgewebe zu entfernen, ohne wichtige Hirnfunktionen zu gefährden. Weil sich Operationsergebnisse erst nach Jahren zeigen, fehlte bisher eine klare Datenlage, was zu unterschiedlichen Herangehensweisen geführt hat. „Das liegt einerseits daran, dass sehr sorgfältig zwischen einem möglichen Überlebensvorteil und der Verhinderung neurologischer Defizite abgewogen werden muss. Zudem fehlten bislang klare Kriterien zur Einschätzung des operativen Risikos, so dass Therapieempfehlungen zwischen einer möglichst geringen Gewebeentnahme zu diagnostischen Zwecken und der Entfernung von möglichst viel Tumorgewebe reichen“, erklärt Prof. Dr. Oliver Schnell vom Universitätsklinikum Erlangen.
Neue Grundlage für die Bewertung von Operationsergebnissen
Um die therapeutischen Entscheidungen stärker zu vereinheitlichen, hat die RANO Working Group eine große internationale Studie durchgeführt und Daten von 1391 Patientinnen und Patienten aus 16 neuroonkologischen Spitzenzentren ausgewertet.
Auf Basis der umfangreichen Datensammlung kategorisiert die neue RANO-Klassifikation das Operationsausmaß anhand des Tumorvolumens, das nach der Operation in einer speziellen MRT-Sequenz (T2-FLAIR) sichtbar bleibt. „Es gab bisher keine gemeinsame Sprache, um Operationsergebnisse zu beschreiben“, sagt PD Dr. Philipp Karschnia vom Universitätsklinikum Erlangen. „Die neue Klassifikation schafft hier Klarheit, weil sie sich allein am verbliebenen Tumorgewebe orientiert.“
Weniger Resttumor bedeutet längeres Überleben
Die Analyse der RANO Working Group zeigt: Ein geringes Resttumorvolumen nach der initialen Operation ist einer der wichtigsten Faktoren für den weiteren Krankheitsverlauf. Auch bei Oligodendrogliomen, die insgesamt günstiger verlaufen und eine hohe Sensitivität gegenüber Chemo- und Radiotherapie aufweisen, zeigt sich ein positiver Effekt durch eine möglichst vollständige Tumorentfernung. „Dass selbst nachfolgende Behandlungen wie Chemo- oder Strahlentherapie den Einfluss der Operation nicht ersetzen können, hat uns überrascht“, sagt PD Dr. Karschnia.
International überprüft und breit einsetzbar
In einer unabhängigen Patientengruppe der University of California in San Francisco wurden die Ergebnisse bestätigt. Die neue Klassifikation unterstützt damit eine präzisere chirurgische Entscheidungsfindung und erleichtert zukünftige Studien: „Die neue RANO-Klassifikation ist ein Meilenstein, der die neuroonkologische Forschung und Versorgung nachhaltig stärken wird“, so Prof. Schnell.
Die Response Assessment in Neuro-Oncology (RANO) Working Group ist ein internationaler, multidisziplinärer Zusammenschluss von Fachpersonen verschiedener Disziplinen, der seit über einem Jahrzehnt standardisierte Kriterien für die Beurteilung von Hirntumoren entwickelt. Aus Erlangen waren Prof. Dr. Oliver Schnell und PD Dr. Philipp Karschnia, welcher die chirurgische Fokusgruppe der RANO Working Group seit 2024 leitet, Dr. Nico Teske sowie Alfred Gramelt aus der Neurochirurgischen Klinik des Uniklinikums Erlangen an der Studie beteiligt.
* DOI: 10.1016/S1470-2045(25)00534-0.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Oliver Schnell
Universitätsklinikum Erlangen
Neurochirurgische Klinik
oliver.schnell@uk-erlangen.de
PD Dr. Philipp Karschnia
Universitätsklinikum Erlangen
Neurochirurgische Klinik
philipp.karschnia@uk-erlangen.de