Krebsbehandlung darf keine Frage des Wohnorts sein
Auf der Pressekonferenz des CCC München zum Weltkrebstag standen Herausforderungen und Lösungen für eine optimale Krebsversorgung im ländlichen Raum im Fokus
Die Qualität der Krebsbehandlung darf nicht vom Wohnort abhängen: Das forderten Mediziner und Therapeuten auf einer gemeinsamen Expertenrunde des CCC München, dem onkologischen Spitzenzentrum des LMU Klinikums München und des TUM Klinikums Rechts der Isar. Diese fand am Mittwoch, 28. Januar, im Vorfeld des Weltkrebstags am 4. Februar 2026 statt. Als Herausforderungen für eine optimale Versorgung der Patientinnen und Patienten auf dem Land sahen die Referentinnen und Referenten insbesondere weite Distanzen zu Facheinrichtungen, mangelnde Mobilitätskonzepte, die Unterversorgung mit Psychotherapeuten sowie starre Sektorengrenzen. Hierzu zeigten die Expertinnen und Experten verschiedene Lösungen auf – von lokalen und überregionalen interdisziplinären Netzwerken über digitale Tumorboards bis hin zu Online-Informations- und Beratungsangeboten.
„Die moderne Krebsmedizin darf nicht an den Stadtgrenzen von Ballungsräumen enden“, forderte Prof. Dr. med. Volker Heinemann, Direktor des CCC MünchenLMU und Präsident der Bayerischen Krebsgesellschaft. „Unser Ziel ist eine intelligente Vernetzung.“ Wie die Zusammenarbeit von universitären Krebszentren mit lokalen Kliniken und niedergelassenen Onkologen aussehen kann, beschrieb Prof. Dr. med. Hana Algül, Direktor des CCC MünchenTUM: Hochkomplexe Eingriffe und genetische Analysen können in spezialisierten Zentren wie dem CCC München erfolgen. Die tägliche Behandlung – von der Chemo- bis zur Psychotherapie – findet jedoch wohnortnah in der vertrauten Umgebung statt. „Durch digitale Brücken wie das Molekulare Tumorboard bringen wir die universitäre Expertise direkt in die ländliche Praxis“, sagte Algül. „So sichern wir Spitzenmedizin auf dem Land, ohne die Patienten durch weite Wege zusätzlich zu belasten.“
Versorgung und Therapie im ländlichen Raum
Die enge Zusammenarbeit zwischen zertifizierten Kliniken und niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen ermöglicht für die große Mehrheit der Patientinnen und Patienten im ländlichen Raum eine leitliniengerechte onkologische Versorgung. Bei der wohnortnahen Behandlung sind die Wege kürzer, Angehörige können in Routineversorgung und in Notfällen schneller unterstützen und die Betreuung ist persönlicher. Davon ist Dr. med. Till Seiler, Chefarzt der Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin am Klinikum Garmisch-Partenkirchen, überzeugt: „Spitzenmedizin ohne weite Wege: Durch intelligente Vernetzung von regionalen Zentren und Universitätsklinika sichern wir die onkologische Zukunft auf dem Land.“
Patientenwunsch: Nähe zur Praxis, Zugang zur Spitzenmedizin
Für eine enge Vernetzung zwischen onkologischen Spitzenzentren und der wohnortnahen Versorgung plädierte auch Engelbert Waldmann. Er war an Schilddrüsenkrebs erkrankt und leitet heute in Neuburg an der Donau eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Krebs. Als eine große Herausforderung für Krebspatienten im ländlichen Raum sieht er die weiten Wege: Gerade wenn Patientinnen und Patienten älter oder sehr krank seien, könnten sie keine langen Strecken zurücklegen, auch weil es auf dem Land an öffentlichem Nahverkehr fehlt. „Ein Patient sollte seine Kraft für den Kampf gegen den Krebs aufwenden, nicht für den Weg zur Therapie“, sagte Waldmann. „Wir brauchen eine onkologische Versorgung, die die persönliche Bindung vor Ort als wertvolle Ressource schützt und gleichzeitig durch digitale und fachliche Vernetzung den Zugang zu High-End-Medizin garantiert.“
Das Digitale Tumorboard: Universitäre Expertise für den ländlichen Raum
Ein Angebot, das universitäre Expertise mit lokaler Versorgung verknüpft, stellten Dr. med. Alisa Martina Lörsch, Sprecherin des Molekularen Tumorboards am TUM Klinikum Rechts der Isar, und Prof. Dr. med. Volker Heinemann vor: „Das Molekulare Tumorboard am CCC München verbindet modernste molekulargenetische Diagnostik mit interdisziplinärer Spitzenexpertise – digital und standortunabhängig“, sagte Lörsch. „So ermöglichen wir auch Patientinnen und Patienten aus ländlichen Regionen Zugang zu personalisierten Therapien und innovativen Studien, ohne ihre wohnortnahe Betreuung aufzugeben.“
In digitalen Tumorboards wie dem Molekularen Tumorboard am CCC München können Ärztinnen und Ärzte aus kleineren Kliniken oder ländlichen Praxen in einer Online-Konferenz Patientenfälle gemeinsam mit einem interdisziplinären Expertenteam beider Münchner Unikliniken diskutieren. In einem Molekularen Tumorboard beraten Experten und Expertinnen verschiedener Fachrichtungen gemeinsam über die bestmögliche Therapie, insbesondere für Patientinnen und Patienten mit seltenen oder fortgeschrittenen Erkrankungen – mit dem Ziel, personalisierte Therapien auf Basis molekulargenetischer Untersuchungen zu finden. Sie prüfen dabei auch, ob Patienten für klinische Studien infrage kommen und so früher von neuen Therapien profitieren können. Ein Angebot, von dem auch Patientinnen und Patienten auf dem Land profitieren: Mittlerweile stammen 30 Prozent der im Molekularen Tumorboard besprochenen Patientenfälle von extern zuweisenden Ärztinnen und Ärzten.
Die Praxis als Anker: Vertrauen durch Kontinuität
Die Bedeutung der niedergelassenen Onkologen unterstrich Dr. med. Max Hubmann, der eine onkologische Praxis in Herrsching führt: „Wir bieten unseren Patientinnen und Patienten Zugang zur Spitzenmedizin direkt vor der Haustür und eine persönliche Begleitung, die eine Klinik selten in diesem Maße leisten kann.“ Patientinnen und Patienten entschieden sich oft bewusst für die wohnortnahe Praxis aufgrund der kontinuierlichen fachärztlichen Betreuung durch eine feste Bezugsperson, guter Erreichbarkeit, zeitnaher Termine und schneller Reaktion bei akuten Nebenwirkungen. Den größten Engpass sieht Hubmann in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und fordert: „Damit diese Versorgung weiter besteht, brauchen wir endlich eine Honorierung, die den Zeitaufwand für unsere Patienten widerspiegelt, und Lösungen gegen den Fachkräftemangel.“
Die „Wartezeit-Falle“ in der Psychoonkologie
Dr. med. Pia Heußner wies auf die psycho-onkologische Unterversorgung im ländlichen Raum hin: „Während die medizinische Behandlung von Krebspatienten oft hochmodern ist, klafft in der psychologischen Begleitung auf dem Land eine gefährliche Lücke“, sagte die Leitende Oberärztin der Psycho-Onkologie am Klinikum Garmisch-Partenkirchen. Übliche Wartezeiten von vier bis sechs Monaten auf einen Termin bei einem Psycho-Onkologen seien für Menschen mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung oft länger als die verbleibende Lebenszeit. Während Kosten für Fahrten zur Chemotherapie von Krankenkassen finanziert werden, müssten Patientinnen und Patienten den Weg zur psychologischen Hilfe selbst organisieren. „Zwischen monatelangen Wartezeiten und nicht finanzierten Anfahrtswegen werden schwerstkranke Menschen mit ihren Ängsten allein gelassen. Wir brauchen dringend eine Anerkennung der Fahrtkosten und eine bessere Ressourcenverteilung, damit Wohnort und körperliche Schwäche nicht zum Ausschlusskriterium für psychologische Hilfe werden“, forderte Heußner.
Digitaler Wegweiser für Menschen mit Krebs
Viele Patientinnen und Patienten fühlen sich nach einer Krebsdiagnose völlig überfordert – und fragen sich: Wohin soll ich mich wenden? Gibt es Unterstützungsangebote in meiner Nähe? Um Patienten und Angehörigen eine Orientierung zu geben, hat das CCC München eine qualitätsgesicherte Online-Informationsplattform – das Infoportal Krebs – aufgebaut. Die Inhalte sind übersichtlich nach Themenfeldern wie „Beratung und Unterstützung“, „Jung und Krebs“, „Angehörige“, „Therapie und Nachsorge“ gegliedert. So können Betroffene schnell und unkompliziert genau die Informationen finden, die für ihre individuelle Situation relevant sind. „Mit dem Infoportal Krebs ermöglichen wir Patientinnen und Patienten einen unkomplizierten Zugang zu qualitätsgesicherten Informationen – jederzeit und unabhängig vom Wohnort,“ sagte Marina Schmid, Zentrumskoordinatorin und Geschäftsstellenleitung des CCC München.
Weitere Informationen unter: CCC München - Comprehensive Cancer Center
Weitere Informationen finden Sie hier: Pressemitteilungen | LMU Klinikum. Bei Bedarf stellen wir Ihnen gerne Fotos der Referentinnen und Referenten zur Verfügung. Bitte kontaktieren Sie uns unter presse@med.uni-muenchen.de