Brustkrebs: Neue S3-Leitlinie für die bestmögliche Versorgung

Würzburg, 22.01.2026

Prof. Dr. Achim Wöckel, Direktor der Frauenklinik am Uniklinikum Würzburg (UKW)

Prof. Dr. Achim Wöckel, Direktor der Frauenklinik am Uniklinikum Würzburg (UKW) koordinierte die umfassende Überarbeitung der S3-Leitlinie zur „Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms“. Statt der bisherigen sieben gibt es nun fünf neu strukturierte Kapitel mit 27 Modulen, die für jede Phase der Erkrankung wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen ausweisen. Die Schlüsselfragen wurden teilweise neu formuliert, ergänzt und konkretisiert sowie anhand aktueller klinischer und wissenschaftlicher Entwicklungen angepasst. 

Würzburg. S3-Leitlinien gelten als Goldstandard in der medizinischen Versorgung. Sie dienen Behandelnden als Entscheidungshilfe und basieren auf einer systematischen Evidenzrecherche, Bewertung und Konsensfindung unter Expertinnen und Experten des entsprechenden Fachgebiets. Um den aktuellen Stand der Wissenschaft zu gewährleisten, unterliegen die S3-Leitlinien regelmäßigen Überprüfungen, fortlaufenden Anpassungen und manchmal auch einer umfassenden Überarbeitung – wie die neue S3-Leitlinie zur „Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms“ (Link).

Leitlinie als „lebendes Dokument“ 

„Diese S3-Leitlinie ist in ihrem Erstellungsprozess die komplexeste aller S3-Leitlinien. Wir haben die Leitlinie komplett neu strukturiert und erstmals alle neuen Therapieformen integriert“, berichtet Prof. Dr. Achim Wöckel. Der Direktor der Frauenklinik am Uniklinikum Würzburg (UKW) ist hauptverantwortlich für die Leitlinienkoordination. Statt sieben gibt es nun fünf klar gegliederte Kapitel mit insgesamt 27 Modulen. Diese Unterkapitel decken alle wichtigen Themen rund um Brustkrebs ab – von der Früherkennung über moderne Behandlungsverfahren bis hin zur Nachsorge und psychoonkologischen Begleitung. „Durch die neue Struktur ist die Leitlinie übersichtlicher und einfacher nutzbar. Zudem können nun einzelne Teile der Leitlinie schneller aktualisiert werden – nach dem Prinzip einer ‚lebenden Leitlinie‘, die sich laufend weiterentwickelt“, erklärt Wöckel. Bei der Entwicklung kooperierte er eng mit mehr als 100 nationalen Expertinnen und Experten. Die Autorinnen und Autoren sichteten regelmäßig die neuesten Daten und besprachen ihre Evidenz-Recherchen in einer Konsens-Konferenz. Die daraus resultierenden Empfehlungen flossen dann in die Leitlinie. Um neue Erkenntnisse künftig noch zügiger in die Versorgung zu integrieren wurden im Zuge der Neustrukturierung Forschungsfragen teilweise neu formuliert, ergänzt und konkretisiert sowie anhand aktueller klinischer und wissenschaftlicher Entwicklungen angepasst.

Neue Themen und aktualisierte Empfehlungen

Die Leitlinie greift beispielsweise neue Entwicklungen und Zielgruppen auf. So wurden erstmals eigene Module zu Brustkrebs bei Transgender-Personen, zur Brustrekonstruktion mit modernen Operationsmethoden sowie zu seltenen Tumorformen aufgenommen. Umfassend überarbeitet wurden die Abschnitte zu früh erkanntem Brustkrebs sowie Rückfälle oder Metastasen Dabei fanden neue Empfehlungen zu zielgerichteten Medikamenten Eingang, die es in der vorherigen Version noch nicht gab. In den Bereichen Operation und Strahlentherapie wurde ergänzt, welche Schritte vor oder nach einer medikamentösen Therapie sinnvoll sind. Ebenfalls aktualisiert wurden die Empfehlungen zur Früherkennung und Mammographie, zur Diagnose bei auffälligen Befunden und zur Abklärung bei familiärem Risiko. Auch bei den Gewebeuntersuchungen (Pathologie) helfen neue Erkenntnisse, die passende Therapie zu wählen und die Heilungschancen besser einzuschätzen. 

Ganzheitlicher Blick auf Patientinnen und Patienten 

Ob Frau oder Mann, unter 20 Jahre oder über 90 Jahre alt - niemand ist vor einer Erkrankung der Brust gefeit. Brustkrebs ist die weltweit am häufigsten diagnostizierte Krebsart. Allein in Deutschland erhalten jedes Jahr rund 70.000 Frauen und Männer die Diagnose. Jede achte Frau in Deutschland erkrankt im Laufe ihres Lebens am Mammakarzinom, einem bösartigen Tumor, der vom Drüsengewebe der Brust ausgeht.

Dank umfangreicher Vorsorgemaßnahmen liegen die Heilungschancen inzwischen jedoch bei über 90 Prozent. Und mithilfe der überarbeiteten Leitlinie können Ärztinnen und Ärzte Entscheidungen treffen, die noch individueller auf jede Patientin und jeden Patienten abgestimmt sind. Die Versorgung wird somit immer personalisierter und ganzheitlicher. So berücksichtigt die neue S3-Leitlinie nun verstärkt Themen wie Psychoonkologie, also die seelische Unterstützung, aber auch Lebensstil inklusive Ernährung und Bewegung sowie komplementäre und integrative Maßnahmen wie zum Beispiel Akupunktur. Auch für ältere Patientinnen sowie für die Palliativmedizin und Supportivtherapie bei fortgeschrittener Erkrankung wurden die Empfehlungen spezifiziert. Neu aufgenommen wurden zudem Informationen zur Gesundheitskompetenz, etwa im Umgang mit digitalen Gesundheitsangeboten (E-Health).

UKW koordinierte Leitlinienentwicklung 

Die S3-Leitlinie wurde unter der Federführung der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie der Deutschen Gesellschaft für Senologie (DGS) erarbeitet. Zahlreiche weitere Fachgesellschaften, Berufsverbände sowie Vertreterinnen von Patientinnenorganisationen waren beteiligt. Die Koordination erfolgte nach den Qualitätsstandards der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF).

Aus Würzburg war neben Prof. Dr. Achim Wöckel auch Prof. Dr. Ute-Susann Albert an der Leitlinienkoordination beteiligt. Die methodische Beratung erfolgte maßgeblich durch Prof. Dr. Peter Heuschmann und Dr. Steffi Jiru-Hillmann vom Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie (IKE-B). Das IKE-B führt derzeit übrigens gemeinsam mit der Universitätsfrauenklinik Würzburg die BETTER-CARE-Studie in ganz Deutschland durch. Hierbei steht speziell die Nachsorge im Fokus, die laut Wöckel dem Therapiefortschritt noch hinterherhinkt und viel individualisierter, bedarfs- und risikoadaptierter werden müsste. 

Zertifiziertes Brustkrebs- und Brustzentrum und Zentrum für Familiären Brust- und Eierstockkrebs

Am UKW werden im zertifizierten Brustkrebs- und Brustzentrum jedes Jahr mehr als 300 Betroffene mit der Neudiagnose Brustkrebs nach den neuesten medizinischen Erkenntnissen behandelt. Unter einem Dach werden sämtliche operative und nicht-operative Therapieverfahren angeboten, die interdisziplinär geplant und auf die einzelne Patientin und den einzelnen Patienten zugeschnitten sind. Bei der Behandlung von Brustkrebs werden stets mehrere Therapieansätze miteinander kombiniert. Zwei Breast Care Nurses der Frauenklinik begleiten und unterstützen die Erkrankten individuell auf ihrem Weg. In vielen Kliniken, so auch am UKW im zertifizierten Zentrum für Familiären Brust- und Eierstockkrebs (FBREK-Zentrum), wird zudem eine Gendiagnostik und Früherkennungsmaßnahmen für Ratsuchende angeboten, die eine familiäre Belastung mit Brustkrebs oder Eierstockkrebs haben und ihr individuelles Risiko kennen möchten. Denn fünf bis zehn Prozent der Brustkrebsfälle beruhen auf einer ererbten Veranlagung, die mit einem gehäuften Auftreten in der Familie einhergeht, oft bereits vor dem 50. Lebensjahr.

PDF der neu strukturierten und aktualisierten S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms.

Text: KL / Wissenschaftskommunikation

Bilder:

Prof. Dr. Achim Wöckel, Direktor der Frauenklinik am Uniklinikum Würzburg (UKW), koordinierte die umfassende Überarbeitung der S3-Leitlinie zur „Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms“. © Thomas Berberich / UKW