Prof. Matthias W. Beckmann: „Die Heilungschancen bei Brustkrebs sind sehr gut.“

Bild von Professor Beckmann, Klinikdirektor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen


Prof. Dr. Matthias W. Beckmann ist Direktor der Frauenklinik des Universitätsklinikums Erlangen sowie Direktor des Comprehensive Cancer Centers Erlangen‐EMN (CCC Erlangen‐EMN). Im Interview spricht er über aktuelle Therapiemöglichkeiten und Heilungschancen bei Brustkrebs sowie Vorsorgemaßnahmen.

Prof. Beckmann, Brustkrebs ist die am häufigsten auftretende Krebserkrankung. Können Sie einen Grund nennen, weshalb das so ist?

Prof. Beckmann: Nein, aktuell wissen wir nicht, warum Brustkrebs so häufig vorkommt. Eventuell liegt es an Hormonschwankungen, die die Entstehung eines Karzinoms begünstigen.

Wie stehen momentan die Heilungschancen bei einer Diagnose?

Die Heilungschancen sind sehr gut. Nach einer Brustkrebsdiagnose überleben im Durchschnitt über 86 Prozent der erkrankten Frauen die kommenden fünf Jahre. Dieser statistische Wert ist deutlich besser als bei vielen anderen Karzinomen, wie etwa Lungenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs, etc. Das gilt für die gesamte Bandbreite der unterschiedlichen Brustkrebsarten. Insgesamt hängen die persönlichen Heilungschancen aber vor allem vom diagnostizierten Subtyp ab und inwieweit für diesen individualisierte Therapien zur Verfügung stehen.

Wie haben sich die Therapien im Bereich Brustkrebs verändert?

Noch vor zwanzig Jahren bestand die Brustkrebstherapien aus drei Säulen: Operation, Bestrahlung und Medikation, meistens Chemo- oder Antihormontherapie. Das hat sich durch die Tumorbiologie grundlegend geändert. Der erste Schritt war dabei vor ca. zwanzig Jahren die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, also des Erbguts. In den letzten zehn Jahren konnten nun mithilfe der Genomforschung immer weitere Erkenntnisse gewonnen werden, etwa welche Mutationen für welche Erkrankung verantwortlich sind. Zusätzlich analysieren PathologInnen den Tumor unter dem Mikroskop und BioinformatikerInnen geben Hinweise, welche Veränderungen in der Genetik relevant sind. Besonders die wachsende Rechenleistung von IT-Systemen und die damit verbundene Digitalisierung haben die Genanalyse stark beschleunigt, so dass auch kleine Veränderungen gefunden werden. Diese Informationen werden in Tumorkonferenzen zusammengetragen und führen zu personalisierten Therapien, wenn für die genetischen Veränderungen neue Substanzen vorhanden sind.

Entstehen daraus die oft zitierten Immuntherapien?

Ja, in gewisser Weise wird bei der Immuntherapie z. B. mit Hilfe von Antikörpern die Krebszelle demaskiert: Die weißen Blutkörperchen nehmen nicht mehr an, dass im Körper alles in Ordnung ist, sondern gehen gegen die jetzt als fremd erkannten Tumorzellen vor. Die Erforschung und Entwicklung von neuen Substanzen hat in den letzten Jahren insgesamt fünf verschiedene spezifische, wachstumshemmende Wirkstoffe hervorgebracht, die für die unterschiedlichen Brustkrebssubtypen eingesetzt werden können.

Damit neue Medikamente entwickelt werden können, müssen also immer neue genetische Veränderungen erkannt und dann mit spezifischen Molekülen in Studien behandelt werden?

Ja, es ist wichtig, möglichst viele Brustkrebsfälle miteinander zu vergleichen. Es gibt Studien mit mehreren zehntausend Teilnehmerinnen, die in viele unterschiedliche Kleingruppen aufgeteilt werden – etwa nach Fragestellungen wie: Gab es bereits Brust- und Eierstockkrebserkrankungen bei Angehörigen der Patientin? Ist der Tumor hormonsensitiv oder nicht? Wächst der Tumor schnell? Ist er sehr aggressiv? Die Gruppen können dann miteinander verglichen werden und in der Folge lassen sich entsprechende Studien zu den Subtypen umsetzen. Daraus können wieder neue Therapien entstehen. Insgesamt passiert parallel momentan unglaublich viel. Deshalb ist es auch so wichtig, immer wieder zu betonen, dass Brustkrebs nicht gleich Brustkrebs ist. Jede Erkrankung erfordert eine individuelle Therapie. Und die Anzahl der Krebstherapien – auch für seltene Brustkrebssubtypen – wächst ständig. Hier möchte ich auch nochmal auf unseren aktuellen Film hinweisen, der noch mehr zu den neuen Therapiemöglichkeiten erklärt.

Ist die Diagnose der individuellen Brustkrebsarten und die steigende Anzahl an Krebstherapien vor allem auf die Digitalisierung zurückzuführen?

Teils, teils. Gerade die bildgebenden Verfahren wie die Mammografie sind so komplex, dass Methoden wie Maschinelles Lernen im Bereich der Diagnose noch an ihre Grenzen stoßen. Aber etwa große Datenabgleiche, wie schon beim Beispiel der Genveränderung beschrieben, sind heute möglich. Doch auch hier gestaltet sich der Auswertungsprozess nicht so einfach wie die Bedienung eines Smartphones. Das sind hochkomplexe Aufgaben, die BioinformatikerInnen und BiostatistikerInnen sowie mehrere Rechenzentren erfordern. Gerade bei internationalen Studien, an denen wir beteiligt sind, werden Daten von zigtausend Brustkrebsfällen ausgewertet.

Wie kommt es dann zu den verschiedenen Brustkrebstherapien?

Durch internationale Forschungsarbeiten sind erstmals so viele verschiedene Genveränderungen bekannt und diese werden zeitgleich an einer großen Anzahl von Patientinnen diagnostiziert. Die Universitäten oder die Pharmaindustrie entwickelt daraus entsprechende Substanzen und setzt diese in verschiedenen Studien ein. So können auch kleine Gruppen in Studien behandelt werden.

Zu welchen Vorsorgemaßnahmen raten Sie?

Insgesamt ist es leider so, dass es wenig gibt, das vorbeugend gegen eine Brustkrebserkrankung getan werden kann. Bei familiär vorbelasteten Frauen besteht die Möglichkeit, Brüste und Eierstöcke zu entfernen. Hier ist erwiesen, dass dann zu 99 Prozent keine Krebserkrankung auftritt. Aber natürlich ist das nicht für jede Patientin eine Option.
Insofern ist es immer von Vorteil, den Tumor früh zu entdecken. Dies gelingt bei Hochrisikofrauen mittels Kerntomografie und ansonsten mittels Mammografie. Aufgrund der vielen unterschiedlichen Subtypen ist dies allerdings nicht immer ausschlaggebend für die Heilung.

Wie ist der Stand der Forschung im Bereich der Diagnostik: Könnten Brustkrebsarten bald schneller und einfacher erkannt werden?

Diagnostik von Brustkrebs erfolgt über die Eigen- oder Fremduntersuchung, die Durchführung der Mammografie im Rahmen des Screenings oder bei auffälligem Befund durch die Abklärung mittels Ultraschall, Kernspinuntersuchung oder Computertomografie. Sollte bei diesen Untersuchungen alleine oder in Kombination eine Auffälligkeit auftreten, so werden diese mittels einer Gewebsbiopsie abgeklärt. Sollte der Pathologe einen bösartigen Befund entdecken, ist hier vor allem wichtig, dass die verschiedenen Subtypen besser unterschieden und dadurch personalisierte Therapiemöglichkeiten angeboten werden. Nochmal zum Verständnis: Der Austausch im Rahmen eines molekularen Tumorboards wird immer komplexer. Es werden heute ca. fünfhundert genetische Veränderungen an einem Tumor untersucht. Neben den PathologInnen und OnkologInnen werden hier auch die BioinformatikerInnen immer wichtiger, die uns sagen, welche Veränderungen relevant sind, sodass wir dann schlussendlich die richtige personalisierte Therapie wählen können.

Und wie war das früher?

Früher, also noch vor 15 Jahren, kam es aufgrund von Unwissenheit auch zu nicht spezifischen Therapien. Nehmen wir das Beispiel des familiären Brust- und Eierstockkrebses: Durch die Genanalyse wissen wir heute, dass zwei Gene, nämlich BRCA1 und ­BRCA2, im Fall einer möglichen Erkrankung verändert sind. Früher sind viele Patientinnen bei der Diagnose Brustkrebs mit einem antihormonellen Medikament versorgt worden. Auch wenn es sich zum Teil – wie in unserem Beispiel – um eine hormonunabhängige Krebserkrankung handelte, was natürlich zu einer nicht wirkungsvollen Behandlung geführt hat. Heute werden die Patientinnen durch Befragungen im Vorfeld eingeteilt, die Brustkrebsart klassifiziert und so entsprechend zielgerichtet therapiert. Da von familiären Brust- und Eierstockkrebs ca. fünf bis acht Prozent aller jährlich knapp siebzigtausend neuerkrankten Patientinnen in Deutschland betroffen sind, können durch die neuen Erkenntnisse viele Leben gerettet werden.

Wie geht denn die Pharmaindustrie mit diesen neuen Erkenntnissen um? Früher wurden Medikamente für deutlich größere Gruppen beforscht. Lohnt sich denn die Entwicklung von Therapien für diese kleinen Patientinnengruppen?

Ja, das lohnt sich und hier findet ein Umdenken statt. Zudem werden nun durch Genanalysen und weltweite Studien auch immer mehr Betroffene identifiziert, für die die neuen Medikamente angewendet werden können. Gleichzeitig werden die Entwicklungszyklen neuer Arzneimittel immer kürzer.

Das Universitätsklinikum Erlangen ist Teil des Bayerischen Zentrums für Krebsforschung (BZKF). Nun mal anders gefragt: Sind solche kleinen Zusammenschlüsse eigentlich sinnvoll, wenn doch gefühlt immer die großen internationalen Studien die entscheidenden Erkenntnisse bringen?

Vielleicht wirkt das so, aber in der Praxis trifft das nicht zu. Zum einen erreichen wir mit diesem einmaligen Zusammenschluss von sechs Universitätsklinika eine für Studien relevante Anzahl an Brustkrebspatientinnen. Im Durchschnitt kommen in jede Klinik ca. drei- bis vierhundert Brustkrebspatientinnen pro Jahr, das heißt, wir haben insgesamt ca. 2.000 Fälle. Das sind beachtliche Zahlen für lokale Studien, sogar Studien für seltene Brustkrebssubtypen können so ab 30 Patientinnen möglich werden. Zudem führen wir Studien an Personengruppen durch, die in ihrer Lebensweise natürlich unseren Umweltbedingungen entsprechen. Zugleich gibt es auch genetische Unterschiede zwischen Asiatinnen, Inderinnen oder Afrikanerinnen, was die Wahrscheinlichkeiten für das Auftreten und den Verlauf bestimmter Brustkrebsarten betrifft. Für unsere Therapieentwicklungen sind Gruppen aus Mitteleuropäerinnen dann schlichtweg sinnvoller. Es ist also durchaus so, dass wir durch den Zusammenschluss eine wirklich einmalige Bedeutung gewinnen, die gerade für die Entwicklung neuer Substanzen und deren Einsatz in Studien besonders spannend ist. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass wir uns in Bezug auf unsere Forschungsschwerpunkte besser absprechen können und somit Forschungsergebnisse für einzelne Krebsarten schneller erzielen.

Noch abschließend eine Frage zum BürgerTelefonKrebs (0800 85 100 80): Welche Informationen bekomme ich? Erfahre ich mehr zu verschiedenen Therapiemöglichkeiten? Erhalte ich eine individuelle Beratung?

Beim BürgerTelefonKrebs erhalten Sie vor allem die Information, wer Ihnen in Ihrem speziellen Fall mit Ihren Fragen weiterhelfen kann. Wir benötigen dazu immer den Namen, das Alter und die Telefonnummer. Dann möchten wir wissen, um welche Krebsart es sich handelt und natürlich welche konkrete Frage Sie haben: etwa zur Möglichkeit einer Immuntherapie, einer Studienteilnahme oder nach einer Zweitmeinung. Wir vermitteln dann entweder einen Rückruf durch einen Fachkollegen oder eine Fachkollegin bzw. geben Ihnen eine Anlaufstation in Ihrer Nähe. Wichtig ist dabei für uns immer, möglichst genaue Informationen zu erhalten, damit wir dann auch umfassend helfen können!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

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